Miteinander auf Rezept?!

Zu Beginn der Initiative Stadt des Miteinanders im Rahmen eines Workshops mit Gerald Hüther in Salzburg stellten wir einheitlich als Gruppe fest: „Miteinander kann nicht einfach angeordnet werden.“, sprich die Bürgermeisterin oder der Bürgermeister einer Stadt können nicht einfach bestimmen, dass es ab sofort mehr Miteinander geben soll. Eher verhält es sich so, dass alle Bürger*innen der Stadt etwas dazu beitragen können, dass Miteinander entsteht, sich positiv entwickelt und gepflegt wird. Die Kooperationsbereitschaft der ganzen Gruppe ist eher der entscheidende Faktor. Doch anscheinend kann es verschrieben werden?

Können Ärzt*innen das, was Bürgermeister*innen nicht können?

Berichterstattung der Zeit im Bild am 4.12.2025

Gestern war dann dieser interessante Artikel in den Nachrichten: „Tanzkurs auf Rezept.“ In einem Pilotprojekt wurde getestet was passiert, wenn Ärzt*innen soziale Betätigungen wie Tanzkurse, Kochkurse, Spieleabende, etc., aber auch Beratungen verschreiben. Das Konzept ist keine österreichische Erfindung. Es geht zurück auf einen Ansatz, der bei der Weltgesundheitsorganisation (WHO) als Toolkit veröffentlicht wurde.

Was ist Social Prescribing – „Soziales auf Rezept“?
Social Prescribing ist ein innovativer Ansatz, um gesundheitsrelevante, psychosoziale und emotionale Bedürfnisse in der Primärversorgung systematisch zu adressieren. Das Team der Gesundheitseinrichtung wird sensibilisiert, Patientinnen und Patienten ganzheitlich zu betrachten und im Falle gesundheitsrelevanter, nichtmedizinischer Bedürfnisse an eine Fachkraft mit Link-Working-Funktion in der Einrichtung zu vermitteln. 

Quelle: https://goeg.at/socialprescribing

Ganz einfach zusammengefasst: Gesundheit und Miteinander hängen direkt miteinander zusammen. Einerseits hängt der gesundheitliche Zustand wesentlich davon ab, wie man an einer Gemeinschaft teilhaben und mitmachen kann, andererseits trägt ein stabiles und positives Miteinander dazu bei, dass es Menschen auch gesundheitlich gut geht. Wir sind als Spezies zu tiefst soziale Wesen, die Kooperation zum Überleben benötigen. Das gilt für Menschen aller Altersgruppen – daher bitte auch an Junge denken.

In den Projekten arbeitet man daran in Primärversorgungszentren und bei niedergelassenen Allgemeinärzt*innen Kooperationen mit sozialen Partnern (Vereine, Freiwilligen, Gruppen und Treffs, etc.) zu etablieren. Allgemeinmediziner*innen sind meist die erste Ansprechperson, wenn es Menschen – warum auch immer – nicht gut geht. Oft steckt kein körperlich-medizinischer Grund dahinter. Vielmehr geht es um Themen wie Vereinsamung oder andere mentale Belastungszustände. Daher ist es nur naheliegend, dass hier oftmals kein Wirkstoff hilft (Anm.: psychiatrische Fälle ausgenommen!), sondern eine Lebensstilveränderung hilfreich sein kann.

Gruppen bieten viel, das wir als Mensch brauchen

Kinder und Jugendliche finden zum Beispiel im Umfeld einer Pfadfindergruppe, der Feuerwehr- oder Rote Kreuz- oder Kirchen-Jugendgruppe, sowie im Musikverein, im Sportverein oder im örtlichen Jugendtreff eine Gemeinschaft vor, die vieles zu geben vermag: Sinn, Halt, Spaß, Aufgabe / Verantwortung, Rolle, Funktion, Geborgenheit, Austausch, Blödsinn machen, Abenteuer, Lernerfahrungen, Spiel. Selbst eine Gruppe, die zufällig auf einem Spielplatz zum Ballspielen zusammentrifft, kann schon viele dieser positiven Eigenschaften vermitteln!

Erwachsene haben oft den Eindruck es schwerer zu haben: hatte man nie die Gelegenheit oder die Möglichkeit von Kind an in einem Verein Fuß zu fassen oder in eine Gemeinschaft hineinzuwachsen, dann ist es oft schwieriger später wo neu zu beginnen. Zugang zu etablierten Gruppen zu finden, kann mitunter Energie kosten, denn es ist sowohl von der Gruppe, als auch von der Einzelperson ein Anpassungsprozess notwendig. Der kann gelingen oder auch nicht. Diese „Gruppe“ kann ein Verein sein, eine Freiwilligenorganisation, eine Nachbarschaft, eine Dorfgemeinschaft oder ähnliches.

All das braucht vor allem auch eines: Eigenverantwortung (in Form von Eltern, die mit ihren Kindern Gruppen besuchen, Menschen, die ihr Leben in die Hand nehmen, etc.)

Eigenverantwortung vs. Vorschreiben

Eltern übernehmen Verantwortung für ihre Kinder, Jugendliche tragen schon einiges selbst an Verantwortung und der erwachsene Mensch sollte fähig sein Eigenverantwortung für sich selbst zu übernehmen. Soweit die Theorie und Idealvorstellung. Leider kann ich keine Zahlen dazu liefern, aber meine Beobachtung zeigt mir, dass es sowohl Menschen gibt, die ihr Leben und ihre Gesundheit selbst in die Hand nehmen und sehr aktiv daran arbeiten beides bestmöglich zu erhalten. Als auch Menschen, die ihre Verantwortung an Andere abgeben und nur aktiv werden, wenn es ihnen vorgeschrieben wird.

Dazu kommt immer noch ein fehlendes Bewusstsein, wie körperliche Abläufe, die Gefühls- und Gedankenwelt, das tägliche Leben und der eigene Lifestyle, sowie das eigene Sozialgefüge miteinander verknüpft sind. Ebenso fehlt vielerorts das Bewusstsein / das Wissen oder vielleicht auch die Bereitschaft / Fähigkeit zu erkennen welche Schrauben man selbst drehen kann, um die eigene Situation zu verbessern.

Hier kommen nun die Ärzt*innen ins Spiel. Die Ärztin / Der Arzt ist historisch betrachtet für viele Menschen eine große Respektsperson. Sagt eine Medizinperson es wäre so oder so und man solle sich ab sofort so oder so verhalten, dann hat das oft mehr Gewicht, als gute Ratschläge aus dem Familien- und Freundeskreis. Diese Autorität kann großen Einfluss darauf nehmen, wie Menschen ihr Leben gestalten. Der weiße Mantel oder das Stethoskop sind offensichtlich Insignien der Macht, die Menschen bewegen können. Dazu kommt eine vertrauensvolle Atmosphäre im Sprechzimmer, ein sicherer Rahmen, der es vermag die Masken der Patient*innen zum Fallen zu bringen. Menschen zeigen sich eher verletzlich und hoffen auf Hilfe. Macht ist hier in einem äußerst positiven Kontext gemeint, denn an welchem anderen Ort wäre das so vollumfänglich möglich?

Da wird es einem dann vor den eigenen Augen schwarz auf weiß auf einen Zettel geschrieben, was zu tun wäre. Und das ist nicht nur das Schlucken einer bitteren Pille, sondern auch das Aufsuchen von sozialen Orten und Räumen. Spannend, oder? Lass uns an dieser Stelle kurz pausieren. Wenn du das so liest, dann kann sich das durchaus stimmig für dich anfühlen oder du schüttelst eher mit dem Kopf und kannst es nicht nachvollziehen. Beides ok. Eigenverantwortung ist ein sehr tiefgründiges Thema, das unsere Gesellschaft stark prägt je nachdem wie viel davon vorhanden ist.

Fazit: Die Einen verfügen über einen ausgeprägten Sinn für Eigenverantwortung und Wissen, wie sie die eigene Gesundheit und den eigenen Gemütszustand positiv beeinflussen können, die Anderen benötigen Hilfe oder sogar eine Verordnung dafür – das Feld des social prescribing.

Positive Auswirkungen auf die Patient*innen

Bei der Suche nach Ergebnissen der Projekte, bin ich auf folgende positiven Auswirkungen für Patient*innen gestoßen:

Die Auswirkungen überzeugen. Sie öffnen Möglichkeiten und laden ein, neugierig auf weitere Projekte zu werden. Wie immer geht es nicht ohne Kommunikation der unterschiedlichen Stellen. Sich selbst nicht als Silo zu betrachten, sondern sich in ein regionales Netzwerk einzuflechten, Beziehungen unter einander zu pflegen und Gesundheit, Soziales und auch noch andere Themen nicht isoliert, sondern als Einheit zu sehen, sind Grundpfeiler fürs Gelingen derartiger Projekte und Initiativen.

Autorin: Stefanie Jirgal (Leitung Stadt des Miteinanders)