Konstruktiver Umgang statt Empörung: Ein anderer Blick auf die aktuelle Diskussion zu Problemen mit Jugendlichen in Tulln

Warum Schuldzuweisungen nicht helfen – und wie wir als Gemeinschaft in Tulln jetzt echte Lösungen angehen können.

In den vergangenen Tagen sorgen Berichte über Vorfälle mit Jugendlichen im Stadtgebiet für Besorgnis: Laut Medienberichten wurde unter anderem in der Nähe des Schubertpark eine Jugendgruppe aktiv, die andere Jugendliche mit Geldforderungen, Drohungen und teils körperlichen Übergriffen belästigt haben soll. In Absprache mit Bildungsdirektion und Polizei wandte sich Bürgermeister Peter Eisenschenk mit einem Brief an alle Erziehungsberechtigten in Tulln. Er rief zu erhöhter Vorsicht auf und bittet Vorfälle direkt bei der Polizeidienstelle in Tulln zu melden: Tel.: 0591333280, E-Mail: PI-N-Tulln@polizei.gv.at

Solche Vorfälle verunsichern uns

— und sie führen zu hitzigen Diskussionen darüber, was die Gründe seien, woher diese Probleme kommen und wer „schuld“ sei. In der öffentlichen Debatte werden Jugendliche schnell verallgemeinert, manchmal mit pauschalen Zuschreibungen oder Sorgen über gesellschaftliche Entwicklung, Werte und Sicherheit überladen. Sofort liest man z.B. auf Facebook Zuschreibungen über eine verlorene „Generation Z“, über „Ausländerpöbel“, über „die Eltern erziehen die Kinder nicht mehr“, über „die Jugend, die nichts taugt“, etc.

Wenn du das liest, merkst du schnell wie es dich emotional auf ein Abstellgleis schiebt.

  • Was wäre eine andere Möglichkeit?
  • Welche Gedanken wären hilfreich?
  • Was könnte nützlich sein, um die Probleme in Griff zu bekommen und Teil der Lösung zu werden?

Auf der einen Seite ist es sehr verständlich, dass Sorge, um unsere oder befreundete Kinder, Enkel, Nichten oder Neffen da ist. Das ist ganz natürlich. Angst und Sorge sind nur leider keine konstruktiven Begleiter. Im Hirn aktivieren sie alte Muster und machen sprichwörtlich Tunnelblick. Wir denken in Freund und Feind, Flucht und Angriff und verlieren die Fähigkeit differenziert zu denken. Ein ganz ursprünglicher Schutzmechanismus wird aktiviert, unsere Denk- und Handlungsmöglichkeiten werden stark eingeschränkt. Das Bewusstsein über diesen Mechanismus zu haben, ist bereits ein erster, wesentlicher Schritt!

Ganz klar: es braucht ein klares, konsequentes Einschreiten, das weitere Vorfälle und Gewalt unter Jugendlichen verhindert.

Dazu haben wir in Tulln zum Glück ein kompetentes Sicherheitsnetzwerk, das neben der Polizei auch aus einem städtischen Sicherheitsdienst und Mitarbeitenden der Stadtgemeinde Tulln besteht. Hier wird seit Jahren Hand in Hand gegriffen. Bei regelmäßig stattfindenden Sicherheitstreffen aller Blaulichtorganisationen, werden aktuelle Probleme angesprochen und überlegt, wie diese im Zusammenspiel mit allen gelöst werden können.

Das ist die eine Seite. Die andere Seite ist die öffentliche Debatte dazu.

Vorneweg: Ja, kritische Äußerungen zu den aktuellen Problemen dürfen gesagt und gehört werden ohne auch hier der sprechenden Person eine Zuschreibung oder Bewertung überzustülpen. Doch wie geht Kritik ohne destruktiv zu werden?

Warum ein konstruktiver Blick wichtiger ist als Empörung

  • Verallgemeinerung verhindert differenziertes Hinschauen. Wenn wir nach einem Vorfall sagen „Alle Jugendlichen sind …“ oder „Ausländer sind…“ ignorieren wir individuelle Umstände, Hintergründe und Potenziale. Studien zeigen, dass Jugendliche oft – entgegen populären Narrativen – Teil der Gemeinschaft sein wollen und sich einbringen möchten. Ja, einige werden straffällig und müssen klare Grenzen und Konsequenzen erfahren.
  • Empörte Stimmung erzeugt Polarisierung, aber keine Lösungen. Schuldzuweisungen und Stereotype schüren Angst, Ablehnung und Misstrauen – sie machen öffentliches Miteinander schwer und blockieren echte Lösungsansätze.
  • Jugendliche werden häufig ausgeschlossen statt eingebunden. Wenn ihnen nicht zugehört wird, wenn sie keine Räume zur Mitwirkung haben, wächst Entfremdung. Das schwächt Gemeinschaft und verhindert, dass junge Menschen Verantwortung übernehmen können.

Deshalb: Eine Stadt, die nachhaltig und solidarisch leben will, braucht jetzt eine andere Haltung — nicht nur Empörung, sondern konstruktive Einladung. Wir benötigen einen anderen Blick weg von Stereotypen und Verallgemeinerung, hin zu Fakten und konkreten Fragestellungen.

Was konstruktiver Umgang konkret bedeuten kann

Jugendliche als Teil der Lösung anerkennen

  • Einbeziehen statt Ausgrenzen: Jugendliche nicht nur als Problem wahrnehmen, sondern ihre Stimmen und Perspektiven ernst nehmen. Laut Forschung stärkt Jugendpartizipation das Gemeinschaftsgefühl und fördert Engagement.
  • Mitgestalten lassen: Räume schaffen, in denen Jugendliche mitreden und mitentscheiden können — z. B. bei Stadtteilgestaltung, Freizeitangeboten oder Initiativen für junge Menschen.
  • Verlässliche Freizeit- und Begegnungsmöglichkeiten anbieten: Angebote schaffen, die jungen Menschen Struktur, Zugehörigkeit und sinnvolle Betätigung bieten — damit sie sich eingebunden fühlen und Perspektiven sehen.

Offene, wertschätzende Kommunikation fördern

  • Zwischen Vorfällen und Verallgemeinerung unterscheiden: Einzelne Ereignisse benennen — ja. Aber sie nicht hochrechnen auf ganze Gruppen. Präzise Sprache statt Pauschalisierung.
  • Dialog statt Debatte: Menschen einladen, Fragen zu stellen, zuzuhören, Sorgen zu äußern — und Jugendliche selbst zu Wort kommen lassen. Gemeinsam reflektieren statt verteufeln.
  • Betonung gemeinsamer Verantwortung: Sicherheit, Zusammenhalt und respektvolles Miteinander sind eine Aufgabe für alle: Eltern, Schulen, Jugendliche, Stadtpolitik und Nachbarschaft.

Strukturen und Beteiligung ermöglichen

  • Jugendarbeit und Jugendbeteiligung stärken: Das bieten von (informellen) Strukturen, wo Jugendliche sicher und ernst genommen mitwirken können (z. B. Jugendräte, Jugendprojekte, gemeinnützige Angebote). Forschung zeigt, dass solche Beteiligung das Verantwortungsgefühl stärkt und soziale Integration fördert.
  • Kooperation zwischen Institutionen: Schulen, Vereine, soziale Einrichtungen, Eltern und Stadtverwaltung gemeinsam in Austausch bringen — statt isoliert zu agieren. So entsteht ein gemeinsames Netz, das Jugendliche auffängt und begleitet.
  • Prävention durch Einsatz auf Augenhöhe: Nicht nur Reaktion auf Probleme, sondern proaktive Angebote — Sport, Kultur, gemeinsame Projekte – die Zugehörigkeit, Perspektiven und Gemeinschaft fördern.

Vieles davon wird in Tulln aktiv gelebt, es heißt jetzt zusammenhalten, statt über einander zu reden!


Wie die Gemeinschaft in Tulln jetzt zusammenstehen kann

  • Gespräche führen — mit Respekt und Offenheit: Eltern, Lehrer*innen, Jugendliche, Nachbar*innen — alle sind eingeladen, zuzuhören und ernst zu nehmen ohne Generalisierung oder Stereotypisierung.

    Aber auch mit von Vorfällen betroffenen Kindern. Entweder im Familienkreis oder erweitert über Schulen und das Tullner Jugendzentrum. Dort finden sich kompetente, pädagogisch ausgebildete Personen, die einen guten Gesprächsrahmen bieten können.
  • Mit Jugendlichen reden, nicht über sie: Junge Menschen direkt einbinden, ihre Erfahrungen hören, ihre Ideen ernst nehmen.
  • Ressourcen schaffen statt Ressentiments nähren: Statt Ängste zu schüren, nach Wegen suchen, wie sich Jugendliche sinnstiftend einbringen können.
  • Vertrauen aufbauen statt zu misstrauen: Jeder übernimmt Verantwortung — nicht nur, wenn etwas schiefgeht, sondern ganz bewusst dafür, wie Gemeinschaft aussehen kann.

Fazit: Ein Aufruf zur Selbstreflexion

Die aktuelle Situation in Tulln zeigt: Es gibt Probleme — und sie sind real. Aber Probleme allein definieren nicht, wer wir sind. Wie wir reagieren, wie wir miteinander reden, wie wir gestalten — das entscheidet, ob Vorfälle zu einem Epizentrum der Empörung werden oder ob sie Anlass sind, unsere Stadt solidarischer, menschlicher und zukunftsorientierter zu leben.

Wie immer kannst du selbst bei dir beginnen:

Lasst uns nicht in Schuldzuweisungen verharren. Lasst uns nicht in Angst erstarren.
Lasst uns reden. Zuhören. Mitdenken. Und gemeinsam Verantwortung übernehmen.

Denn nur so kann aus einem Problem eine Chance werden — für Jugendliche, für Nachbar*innen, für Tulln.

Ein Kommentar von Stefanie Jirgal, Leitung Stadt des Miteinanders, aufgrund der öffentlichen Debatte rund um Vorfälle mit Jugendlichen in Tulln im November 2025.