Am 16. April fand der dritte Vortrag durch Prof. Bauer im vollen Tullner Atrium statt. Für alle, die leider nicht dabei sein konnten, haben wir hier die wesentlichen Inhalte zusammengefasst:
„Empathie, soziale Beziehungen und die Herausforderungen der Digitalisierung“
1. Das Gehirn als soziales Organ
Prof. Bauer beginnt mit einer zentralen These:
„Das Gehirn verwandelt soziale Erfahrungen in Biologie.“
Zwischenmenschliche Beziehungen haben nachweislich messbare Auswirkungen auf unsere Gesundheit – nicht nur psychisch, sondern bis auf die Ebene der Gene. Menschen üben eine Fernwirkung aufeinander aus: ein einziges Wort kann körperliche Reaktionen auslösen, ohne jede physische Berührung.
2. Was Kinder wirklich brauchen: René Spitz und moderne Neurowissenschaft
Bauer erinnert an den österreichischen Pionier der Säuglingsforschung René Spitz (1887–1974), der zeigte: Kinder ohne liebevolle Bezugspersonen entwickeln schwere psychische, neurologische und biologische Störungen – ein Phänomen, das er Deprivation nannte.
Die moderne Neurowissenschaft bestätigt Spitz vollständig. Eine vielzitierte Studie verfolgte 100 Kinder vom Vorschulalter bis ins Teenagealter und zeigte: Je mehr soziale Unterstützung ein Kind erfahren hat, desto größer ist das Volumen des Hippocampus – jener Hirnregion, die für Gedächtnis, Lernfähigkeit und Intelligenz entscheidend ist.
3. Einsamkeit als Gesundheitsrisiko
Ungewollte, chronische Einsamkeit löst im Körper eine schleichende, chronische Entzündung aus – kaum spürbar, aber messbar. Diese „Chronic Inflammation“ gilt als Hauptrisikofaktor für:
- Herz-Kreislauf-Erkrankungen
- Krebserkrankungen
- Demenz
Besonders eindrücklich: Chronische Einsamkeit verkürzt die Lebenserwartung in ähnlichem Ausmaß wie das Rauchen von 15 Zigaretten täglich.
4. Was ist Empathie – und wie funktioniert sie im Gehirn?
Empathie besteht aus zwei Komponenten:
Einfühlung (emotionale Resonanz): Wir nehmen über Körpersprache, Mimik und Stimme intuitiv wahr, wie es anderen geht. Die Grundlage dafür sind neuronale Resonanzsysteme – darunter die bekannten Spiegelneuronen. Beispiel: Wer sieht, wie sich jemand wehtut, spürt unwillkürlich mit.
Perspektivübernahme: Hier denke ich aktiv nach – Wie sieht die Welt aus den Augen meines Gegenübers aus? Dafür sind andere Hirnregionen zuständig, nämlich die sogenannten Selbstnetzwerke hinter der Stirn.
Empathie ist meist geräuschlos – sie fällt erst auf, wenn sie fehlt: wenn ein Gruß nicht erwidert wird, wenn jemand systematisch ignoriert wird.
5. Entwicklung von Empathie und Selbst beim Kind
- In den ersten zwei Lebensjahren entwickeln sich die neuronalen Resonanzsysteme durch unmittelbare, individuelle Interaktion mit Bezugspersonen – ausschließlich eins zu eins (dyadisch).
- Ab dem zweiten Lebensjahr reifen die Selbstsysteme (Identität, Perspektivübernahme) – sie brauchen soziale Rückmeldung und liebevoll eingeübte Regeln.
Wichtige Konsequenz für Kitas: Je jünger die Kinder, desto enger muss der Betreuungsschlüssel sein. Tablets und KI können diese individuelle, situative Spiegelung nicht ersetzen – denn jedes Kind ist anders und braucht eine feinfühlige, reale Bezugsperson.
6. Smartphones, Social Media und Empathie
Smartphones
Laut einer aktuellen Studie „Jugend in Deutschland“ (2026) haben 60 % der 14- bis 29-Jährigen eine suchtähnliche Beziehung zu ihrem Smartphone. Das Gerät fungiert als Beziehungsersatz – gibt ein Gefühl von Wichtigkeit und Zugehörigkeit.
„Phubbing“ (Phone + Snubbing): Wer das Smartphone im Gespräch mit dem Partner nutzt, signalisiert: Du bist mir weniger wichtig. Das ruiniert zuverlässig Beziehungen.
„Brain Drain“: Schon ein ausgeschaltetes Handy auf dem Tisch messbar die Konzentrationsfähigkeit (Arbeitsgedächtnis).
Social Media (Instagram, TikTok, YouTube)
Diese Plattformen versprechen Zugehörigkeit – und liefern stattdessen permanenten Wettbewerb um Anerkennung. Die Folge:
- Wer mehr als 3 Stunden täglich in Social Media verbringt, verdoppelt sein Depressionsrisiko
- Algorithmen liefern gezielt Inhalte, die Nutzerinnen ansprechen – und süchtig halten
- 26 % der 10- bis 17-Jährigen zeigen exzessive oder suchtartige Nutzung
Besonders gefährlich für Jugendliche: Konfrontation mit Pornografie, Gewaltvideos, Cybergrooming (Erwachsene geben sich als Gleichaltrige aus) und Sextortion (Erpressung mit intimen Bildern) – Phänomene, die viele Eltern nicht kennen, weil sich Kinder aus Scham nicht trauen, darüber zu sprechen.
Bauers Fazit:
„Wir haben eine Aufhebung des Jugendschutzes – und niemand regt sich darüber auf.“
Er plädiert dafür, Social Media für Kinder unter 15 Jahren zu verbieten – auch wenn es nicht lückenlos kontrollierbar ist, ähnlich wie das Alkoholverbot für Minderjährige.
7. Künstliche Intelligenz und Empathie
KI-Chatbots (Large Language Models) sind Sprachmaschinen ohne Bewusstsein – sie simulieren Empathie, haben sie aber nicht. Gefährlich wird das durch das eingebaute Prinzip der Sycophancy: Die Maschine gibt dem Nutzer immer recht, redet ihm nach dem Mund.
Bauer nennt dokumentierte Fälle:
- Jugendliche, die sich in Chatbots verlieben und alle sozialen Kontakte abbrechen
- Menschen mit Verfolgungsängsten, deren Wahnvorstellungen durch die KI bestätigt werden
- Suizide, die durch unkritisches „Mitgehen“ der Maschine mitverursacht wurden
25 % der 14- bis 29-Jährigen besprechen bereits persönliche und intime Probleme mit KI-Systemen.
8. Was wirklich Intelligenz entwickelt: Embodied Cognition
Das Gegenmittel zur Digitalisierungsfalle liegt in der körperlich-sinnlichen Erfahrung:
„Intelligenz entsteht durch die Interaktion eines lebendigen Körpers mit einer real anwesenden Welt.“
Kinder lernen Gravitation durch Hinfallen, Geschwindigkeit durch Rennen, Mathematik durch Finger zählen – nicht durch Bildschirme. Forschung der OECD bestätigt: Stark digitalisierte Schulen haben schwächere Lernleistungen.
Aufruf zum Handeln
Prof. Bauer schließt mit einer klaren Botschaft an Eltern, Pädagog*innen und die Gesellschaft:
- Die analoge Welt für Kinder attraktiver gestalten: Musik, Kunst, Bewegung, Natur, echte Gespräche
- Schulen mit sinnvollen Angeboten bereichern, statt auf Digitalisierung zu setzen
- Mit Kindern und Jugendlichen ins Gespräch kommen – über ihre digitale Welt, die Erwachsene oft nicht kennen
- KI gezielt und bewusst einsetzen – aber nie als Ersatz für menschliche Beziehung