Freunde finden als Erwachsener: Warum es schwerfällt und wie es trotzdem gelingt

Als Kind war es einfach. Man saß nebeneinander in der Klasse, spielte im selben Hof, und aus „wir kennen uns“ wurde ganz von selbst „wir sind Freunde“. Als Erwachsene oder Erwachsener sieht das anders aus. Der Alltag ist voll, die Wege sind eingespielt, und neue Menschen kennenzulernen, die einem wirklich nahekommen, braucht plötzlich bewusste Anstrengung. Viele Menschen erleben genau das: Sie haben Kolleginnen, Nachbarinnen, Bekannte – aber echte Freundschaften, auf die sie sich verlassen können, werden über die Jahre weniger. Das ist kein persönliches Versagen. Es ist eine Herausforderung, der die meisten Erwachsenen irgendwann begegnen.

Warum es im Erwachsenenalter so schwerfällt

Die amerikanische Soziologin Rebecca Adams hat erforscht, unter welchen Bedingungen Freundschaften überhaupt entstehen. Sie fand drei Zutaten: räumliche Nähe, wiederholte zufällige Begegnungen und ein Umfeld, in dem man sich verletzlich zeigen darf, ohne dass es peinlich wird. In der Schule und im Studium sind alle drei Bedingungen automatisch gegeben. Im Erwachsenenleben fallen sie fast alle weg: Man arbeitet oft nicht mehr dort, wo man wohnt, der Tag ist durch Job und Familie verplant, und für die unstrukturierte, zufällige Zeit, in der früher Freundschaften wie nebenbei entstanden sind, bleibt kaum noch Raum. Hinzu kommt: Erwachsene haben oft genauere Vorstellungen davon, wer zu ihnen passt, was das Kennenlernen zusätzlich erschwert.

Das Ergebnis ist längst kein Einzelschicksal mehr. Die Weltgesundheitsorganisation hat 2023 unter der gemeinsamen Leitung von US-Surgeon General Vivek Murthy und der damaligen Jugendbeauftragten der Afrikanischen Union, Chido Mpemba, eine eigene Kommission zum Thema soziale Verbindung ins Leben gerufen – ein deutliches Zeichen dafür, wie ernst das Thema mittlerweile weltweit genommen wird.

Warum es sich trotzdem lohnt, aktiv zu werden

Der Psychiater Robert Waldinger leitet die Harvard-Studie zur Erwachsenenentwicklung, eine der am längsten laufenden Untersuchungen zum menschlichen Leben überhaupt – seit über 85 Jahren, über mehrere Generationen hinweg. Sein zentrales Ergebnis: Gute Beziehungen sind der stärkste bekannte Einflussfaktor für ein langes, gesundes und zufriedenes Leben – stärker als Geld, Erfolg oder Bekanntheit. Wer in seine Freundschaften investiert, investiert nachweislich in die eigene Gesundheit, ins eigene Wohlbefinden und in ein langes Leben. Neue Freundschaften zu suchen ist damit keine nette Nebensache, sondern eine der wirksamsten Formen von Selbstfürsorge, die es gibt.

Wie es gelingen kann

Zwei Erkenntnisse aus der Forschung machen Mut. Die Psychologin Marisa Franco hat untersucht, warum manche Menschen im Erwachsenenalter leichter neue Freundschaften finden als andere. Ihr Befund: Wer glaubt, Freundschaft müsse „einfach so“ passieren, wird über die Jahre einsamer. Wer akzeptiert, dass Freundschaft – wie jede gute Beziehung – aktive Pflege braucht, wird zufriedener. Und: Die meisten Menschen unterschätzen systematisch, wie sehr sie von anderen gemocht werden. Der erste Schritt fällt leichter, wenn man weiß, dass das Gegenüber sich mit hoher Wahrscheinlichkeit genauso freut wie man selbst.

Der Kommunikationsforscher Jeffrey Hall hat errechnet, wie viel gemeinsame Zeit es tatsächlich braucht: rund 40 bis 60 Stunden, bis aus einer Bekanntschaft eine lockere Freundschaft wird, 80 bis 100 Stunden bis zu einer echten Freundschaft. Das klingt nach viel – heißt aber vor allem eines: Freundschaft entsteht nicht durch das eine perfekte Gespräch, sondern durch Wiederholung. Wer öfter an denselben Ort zurückkehrt und immer wieder denselben Menschen begegnet, kommt der Sache näher als jemand, der ständig etwas Neues ausprobiert.

Möglichkeiten bei der Stadt des Miteinanders, neue Bekanntschaften zu knüpfen

Genau diese Bedingungen – wiederkehrende Gelegenheiten, ein offenes Umfeld, keine Verpflichtung – versuchen die Angebote der Stadt des Miteinanders zu schaffen. Hier ein Überblick, wo du ansetzen kannst:

  • Die Lange Tafel des Miteinanders. Ein gedeckter Tisch im Freien, an dem man kommt, plaudert und wieder geht, wann es passt. Die Tischrunden mischen sich ständig neu – ideal, um unkompliziert neue Gesichter zu treffen. Das braucht es von dir: einfach hingehen, etwas zum Teilen mitbringen und offen sein für das Gespräch, das sich gerade ergibt.
  • Tulln zu Gast. Ein regelmäßiges Nachbarschaftstreffen, das jedes Mal an einem anderen Ort stattfindet – organisiert von wechselnden Gastgeber*innen aus Vereinen, Betrieben oder der Nachbarschaft selbst. Rund 20 bis 30 Menschen kommen jeweils zusammen. Das braucht es von dir: Neugier auf einen Ort, den du vielleicht noch nicht kennst, und die Bereitschaft, beim nächsten Mal wiederzukommen – denn genau diese Wiederholung ist es, die aus Bekanntschaften mehr macht.
  • Die Hoplr-Nachbarschafts-App. Ein geschlossenes, werbefreies digitales Netzwerk nur für Tulln, über das du Fragen stellen, Angebote machen oder auf die Ideen anderer reagieren kannst. Das braucht es von dir: dich einmal mit deinem Zugangscode anzumelden und dann auch tatsächlich zu schreiben, statt nur mitzulesen – der erste Beitrag ist oft der schwierigste Schritt.
  • Eine eigene Idee einbringen. Wer selbst eine kleine Runde oder Aktion startet, trifft automatisch Menschen, die dasselbe Anliegen teilen wie man selbst – und das ist die vielleicht verlässlichste Basis für Freundschaft überhaupt. Die Stadtgemeinde unterstützt dabei mit Know-how, Vernetzung und, wenn nötig, mit Räumlichkeiten. Das braucht es von dir: eine Idee, und den Mut, sie laut auszusprechen. Oder du nimmst an existierenden Gruppen teil: Wander-Treff, Spielerunde, Kreativ-Treff, Sprachcafé und vieles mehr. Ein Blick in den Veranstaltungskalender lohnt sich!

Eine Einladung zum Schluss

Den ersten Schritt muss niemand allein gehen, aber machen muss ihn irgendwer. Warum nicht du? Du brauchst dafür keinen großen Plan und keinen perfekten Zeitpunkt. Geh einfach einmal hin, schau dir’s an. Gefällt’s dir, komm beim nächsten Mal wieder. So einfach fängt das in der Regel an und genau so sind in Tulln schon einige gute Bekanntschaften entstanden, aus denen mit der Zeit echte Freundschaften geworden sind. Du bist herzlich willkommen, dort mitzumachen, wo es für dich passt.