Ein weißgedecktes Tafeltuch, mitten im Grünen am Nibelungenplatz. Ein paar Tische, ein paar Bänke, mitgebrachte Köstlichkeiten und auf einmal sitzen dort Menschen nebeneinander, die sich vorher noch nie begegnet sind. Genau das ist die Lange Tafel des Miteinanders: kein Fest mit Programm, keine Anmeldung, kein Muss. Einfach ein gedeckter Tisch, an dem in Tulln Platz für alle ist.
Zwei Mal stattgefunden – und schon spürbar gewachsen
Im Juni ist die Lange Tafel des Miteinanders zum ersten Mal aufgebaut worden. Rund 50 Menschen haben den Weg an den Tisch gefunden, haben Mitgebrachtes geteilt, geplaudert, sich kennengelernt. Schon beim zweiten Mal, im Juli, waren es 70 bis 80 Menschen – so viele, dass zwei zusätzliche Tischgarnituren dazugestellt werden mussten. Am 28. August ist die nächste Lange Tafel des Miteinanders geplant, wieder ab 17 Uhr am Nibelungenplatz.
Das Besondere daran ist die Leichtigkeit des Formats: Es gibt kein festes Kommen und Gehen, keinen Beginn, an dem alle sitzen müssen, kein Ende, zu dem alle gemeinsam aufbrechen. Man kommt, wenn man Zeit hat. Man bleibt, so lange es passt. Man geht, wann man möchte. Die Tischrunden verändern sich dabei ständig, wer eine Stunde später dazustößt, sitzt schon bei einer ganz anderen Gruppe als jene, die am Nachmittag den Tisch eröffnet hat. Genau dieses ständige Neu-Mischen ist kein Nebeneffekt, sondern der eigentliche Kern des Formats.
Die Idee dazu kam ursprünglich aus Beobachtungen in italienischen Kleinstädten, wo an lauen Abenden ganz selbstverständlich lange Tafeln aufgebaut werden und die Nachbarschaft einfach zusammenkommt, um das Miteinander zu feiern – ohne großen Anlass, ohne Organisation im klassischen Sinn. Stadträtin Eva Koloseus hat diesen Gedanken mit nach Tulln gebracht. Umgesetzt wurde die Idee dann so, wie in der Stadt des Miteinanders vieles entsteht: im Team, mit vielen helfenden Händen und weil am Ende alle mit anpacken, von der Initiative, der Stadtgemeinde bis zu den Menschen, die selbst etwas zum Teilen mitbringen. Der Erfolg der Langen Tafel gehört damit allen, die sie mittragen.

Warum so ein einfacher Tisch so viel bewirkt
Auf den ersten Blick wirkt die Lange Tafel wie eine nette, unkomplizierte Sommeridee. Schaut man genauer hin, steckt dahinter aber einiges, was Soziologie und Psychologie seit Jahrzehnten über gelingendes Miteinander wissen.
Gemeinsames Essen schafft Vertrauen. Der Verhaltensforscher Robin Dunbar hat untersucht, warum Menschen sich überall auf der Welt zum Essen versammeln. Sein Befund: Gemeinsam essen ist eine der ältesten und wirksamsten Formen, Vertrauen aufzubauen – vom großen Fest, das eine ganze Gemeinschaft zusammenhält, bis zur kleinen Runde, in der sich Freundschaften vertiefen. Ein Tisch, an dem geteilt wird, ist also weit mehr als ein Ort zum Essen. Er ist ein Werkzeug, das Menschen einander näherbringt.
Teilen ohne Hierarchie ist zutiefst menschlich. Die Kulturanthropologin Bettina Ludwig hat bei einer der letzten traditionell lebenden Jäger-und-Sammler-Gemeinschaften geforscht, den Ju’Hoansi San in der Kalahari. Dort gibt es kein Besitzdenken und keine Hierarchie – geteilt wird ganz selbstverständlich, mit allen. Ihre Forschung zeigt: Dieses offene Miteinander ohne feste Rollen ist kein exotisches Randphänomen, sondern ein über hunderttausende Jahre erprobtes menschliches Grundmuster. Genau dieses Muster wird an der Langen Tafel wieder erlebbar – ganz ohne feste Gastgeberrolle, ohne fixen Platz, ohne dass jemand den Ton angibt.
Niedrigschwellig ist der Schlüssel. Der Soziologe Ray Oldenburg hat beschrieben, wie wichtig sogenannte „dritte Orte“ für eine Stadt sind – Orte, die weder das eigene Zuhause noch der Arbeitsplatz sind, sondern neutraler Boden, auf dem man kommen und gehen kann, wie man will, und an dem das Gespräch im Mittelpunkt steht. Genau das ist die Lange Tafel: kein Verein, keine Mitgliedschaft, keine Verpflichtung. Wer vorbeikommt, ist willkommen. Wer wieder geht, muss sich nicht rechtfertigen. Diese Offenheit senkt die Hemmschwelle für alle – gerade für Menschen, die sich sonst schwertun, den ersten Schritt zu machen.
Begegnung baut Vorurteile ab. Die Sozialpsychologin Linda Tropp hat gemeinsam mit ihrem Kollegen Thomas Pettigrew eine der umfangreichsten Auswertungen zu diesem Thema durchgeführt: Sie zeigt, dass entspannte Begegnung zwischen unterschiedlichen Menschen Vorurteile und Berührungsängste zuverlässig abbaut – wirksamer als jede Kampagne. Weil an der Langen Tafel Menschen unterschiedlichen Alters, unterschiedlicher Herkunft und unterschiedlicher Lebenssituation nebeneinandersitzen, passiert genau das nebenbei, ganz ohne es zu wollen.
Wechselnde Tischrunden schaffen viele kleine Brücken. Dass sich die Gruppen am Tisch laufend neu mischen, ist sozial gesehen ein großer Gewinn. Der Soziologe Mark Granovetter hat gezeigt, dass gerade lockere Bekanntschaften – der Nachbar, den man nun kennt, die Kollegin einer Freundin – für den Zusammenhalt einer Stadt oft wichtiger sind als enge Freundschaften. Sie verbinden unterschiedliche Lebenswelten miteinander, die sonst kaum in Berührung kämen. Jede Lange Tafel knüpft an diesem unsichtbaren Beziehungsnetz ein paar Fäden mehr.
Dazugehören ist ein Grundbedürfnis. Die Gesundheitspsychologin Julianne Holt-Lunstad zählt zu den international führenden Forscherinnen zum Thema Einsamkeit. Ihre Studien zeigen: Soziale Verbindung ist kein netter Zusatz, sondern ein menschliches Grundbedürfnis – fehlt sie dauerhaft, ist das ein ernstzunehmendes Gesundheitsrisiko. Aktuelle Zahlen des Sozialministeriums zeigen, dass sich in Österreich mittlerweile fast jede vierte Person zumindest gelegentlich einsam fühlt. Vor diesem Hintergrund ist ein Ort, an dem man ohne Anmeldung und ohne Vorwissen einfach dazustoßen kann, keine Kleinigkeit, sondern ein echter Beitrag zum Gemeinwohl.
Ein einfacher Tisch, ein starkes Prinzip
Die Lange Tafel des Miteinanders zeigt im Kleinen, was die Stadt des Miteinanders im Großen will: Vorhandenes nutzen statt Neues erfinden, das Tun selbst zur Freude machen und darauf vertrauen, dass aus vielen einzelnen Beiträgen mehr entsteht als die Summe der Teile. Kein Wunder, dass aus 50 schon 70 bis 80 Menschen wurden – und dass am 28. August wieder ein Tisch gedeckt wird, an dem jede und jeder willkommen ist.
Du willst dabei sein? Bring einfach etwas zum Teilen mit, komm vorbei, wann es dir passt, und bleib, so lange es dir gefällt.